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Text der Woche

Lichtrede

40 Jahre verbrachte Nelson Mandela wegen seines Kampfes gegen die Apartheid im Gefängnis. Nach seiner Freilassung wurde er der erste schwarze Präsident Südafrikas und erhielt wegen seines Einsatzes für die Versöhnung den Friedensnobelpreis. In einer von Rede an die gespaltene Nation sagte er:

 "Unsere tiefste Angst ist es nicht,
ungenügend zu sein.
Unsere tiefste Angst ist es,
dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit,
das wir am meisten fürchten


Wir fragen uns, wer bin ich denn,
um von mir zu glauben, dass ich brillant,
großartig, begabt und einzigartig bin?
Aber genau darum geht es,
warum solltest Du es nicht sein?

Du bist ein Kind Gottes.
Dich klein zu machen nützt der Welt nicht.
Es zeugt nicht von Erleuchtung, dich zurückzunehmen,
nur damit sich andere Menschen um dich herum
nicht verunsichert fühlen.

Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,
die in uns liegt, auf die Welt zu bringen.
Sie ist nicht in einigen von uns,
sie ist in jedem.

Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen,
geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis,
das Gleiche zu tun.

Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind,
befreit unser Dasein automatisch die anderen."

Gefunden bei http://www.karo.b-hoffmann.de/Dat/Mandela.html

Kein Plan B

In einer Legende wird erzählt: Als Christus zum Himmel aufgefahren war, fragten ihn die Engel: „Herr, wie soll es denn nun mit deinem Reich auf der Erde weitergehen?“ Christus antwortete: „Ich habe doch meine Jünger auf Erden.“ Aber die Engel sahen, wie unbedeutend und schwach die Jünger waren, und so fragten sie erschrocken: „Herr, hast du wirklich keinen anderen, keinen besseren Plan?“ Und Christus entgegnete: „Nein, einen anderen Plan habe ich nicht.“...

                                                                                                  (Volker Austein)

Die Maus Frederick (nach Leo Lionni)

Es wurde Spätsommer. Auf dem Feld und am Waldrand sammelten die Mäuse emsig und eifrig: Getreidekörner, Sonnenblumenkerne, Nüsse und viele andere Leckereien. Sie wollten sich einen großen Vorrat anlegen für den kalten Winter. Sie sammelten auch weiches Moos und duftendes Heu aus der nahen Scheune, um es weich und warm zu haben.

Frederick saß den ganzen Tag an seinem Lieblingsplatz auf einem kleinen Stein. Dort schien ihm die Sonne direkt auf dem Bauch. Die Vögel zwitscherten. Der Wind trug den Duft von frischem Obst bis an seine Nase heran. Seinen Mäusefreunden gefiel das nicht: „Frederick, warum hilfst Du nicht Vorräte sammeln? Warum hilfst du nicht Moos suchen? Warum hilfst du nicht Heu aus Bauers Scheune tragen?“

Frederick antwortete: „Aber ich sammle doch. Ich sammle Sonnenstrahlen, die vom Himmel fallen. Ich sammle Lieder, die die Vögel singen. Ich sammle Geschichten, die der Wind erzählt.“

„Frederick, können Sonnenstrahlen unsere Bäuche füllen? Können Lieder und Geschichten unsere Pfoten, Nasen und Ohren warm halten? So hilfst du uns nicht. Du bist und bleibst eine faule Maus. Der Winter wird dir schon beibringen, rechtzeitig anzufassen.“ Sie begannen wieder zu suchen und zu sammeln. Frederick aber lag auf seinem Stein und genoss die letzten Sonnenstrahlen.

Die Tage vergingen. Der erste Frost kam. Die Mäuse hatten sich in ihren Bau zurückgezogen. Sie hatten es warm und weich. Ihre Bäuche waren stets gefüllt. Aber nach ein paar Wochen fehlte ihnen der Frühling. Ihnen fehlte der Sommer. So dunkel, so kalt, so lang war der Winter. Wann konnten sie endlich aus ihrem Bau kriechen? Die Sehnsucht nach Licht und Wärme wurde so groß und sie klagten einander ihr Elend.

Alle - bis auf Frederick. Der kroch aus seiner harten, kalten Ecke im Mäusebau - er hatte ja kein Moos gesammelt. Er setzte sich zu seinen Freunden, von deren Vorräten er gegessen hatte. Und doch begann er nun zu verteilen: Er erzählte von den Sonnenstrahlen. Wie warm und wohlig sie sich auf dem Fell anfühlen. Er sang die Lieder der Vögel. Er erzählte die Geschichten des Windes. Den Mäusen wurde warm ums Herz. Den ganzen Winter blieben sie beieinander sitzen und lauschten Frederick. Als Frederick seine letzte Geschichte erzählt hatte, war der Winter vorbei. Und weil Frederick die Sonnenstrahlen, die Lieder und Geschichten gesammelt hatte, kam der Frühling schneller als jemals zuvor. So meinten die Mäuse.

Wunder

Ja, es gibt Wunder. Vor einigen Wochen wurde ich Zeuge von einem. Matte, 63 Jahre alt, ein Freund aus Hannover, nahm bei uns im Augustinerkloster an einer Fastenwanderwoche teil. Ein Spaziergang wurde unternommen. Er brach in der Nähe des Doms zusammen. Herzinfarkt. Ein Ausländer warf sein Fahrrad zur Seite, begann sofort mit Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassage – bis der Krankenwagen eintraf. 30 Minuten wurde er auf der Straße reanimiert, später auch in der Klinik, über eine Stunde insgesamt. Den noch nachts angereisten Angehörigen wurde wenig Hoffnung gemacht. Wir weinten viel und beteten. Zwei Tage später wurde Matte aus dem künstlichen Koma geholt. Er erkannte seine Frau, die Kinder, konnte alles bewegen, sprach schon einige Worte, inzwischen ist er in der Reha... Die Ärztin sagt, das hätte sie seit 12 Jahren nicht erlebt. Halleluja. Gibt es wirklich Wunder? Alles nur ärztliche Kunst? Lag es nicht eigentlich am der beherzten Hilfe des Passanten? Wunder sind subjektiv. Für mich war es eins. Sehr oft wünsche ich mir auch ein himmlisches Zeichen, aber es bleibt aus: Wenn ein 58-jähriger Familienvater an Krebs stirbt, zum Beispiel. Es bleiben immer auch ungelöste Fragen und bestürzende Leidensgeschichten. Und doch glaube ich daran: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann ich mir nicht vorstellen. Und doch geschehen sie. Selbst, wenn ich es nie und nimmer gedacht hätte. David Ben-Gurion, der erste Premierminister Israels, sagte das so: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Bleiben wir den Wundern auf der Spur in unserem Leben und vergessen wir nicht, ab und zu den Erste-Hilfe- Kurs aufzufrischen.

Bernd S. Prigge, Pfarrer im Augustinerkloster, Erfurt

Der Axtdieb

Ein Mann fand eines Tages seine Axt nicht mehr. Er suchte und suchte, aber sie blieb verschwunden. Er wurde ärgerlich und verdächtigte den Sohn seines Nachbarn, die Axt gestohlen zu haben. Er beobachtete den Sohn seines Nachbarn ganz genau. Und tatsächlich: Der Gang des Jungen war der Gang eines Axtdiebes. Die Worte, die er sprach, waren die Worte eines Axtdiebes. Sein ganzes Wesen und sein Verhalten waren die eines Axtdiebes.
Am Abend fand der Mann die Axt unter einem großen Holzstapel. Am nächsten Morgen sah er den Sohn seines Nachbars erneut. Sein Gang war nicht der eines Axtdiebes. Seine Worte waren nicht die eines Axtdiebes und auch sein Verhalten hatte nichts von einem Axtdieb.

(nach Lao Tse)

Zurück gezahlt

Ein großer Sufi-Lehrer erzählte von der Zeit, als Jesus umherwanderte und von den Bewohnern einer Stadt beschimpft wurde. Jesus reagierte darauf, indem er diese Leute ins Gebet einschloss.

Warum hast du ihnen auf ihre Beschimpfungen nicht geantwortet?“, fragte ein Jünger. Jesus erwiderte: „Ich kann den Menschen nur mit der Münze zurückzahlen, die ich in meinem Geldbeutel habe.“

Islamische Tradition

Gefunden in „Frieden stiften – jeden Tag“. 365 Gedanken und Denkanstöße

Nach Hause

Bei einer Bahnfahrt saß ich neben einem jungen Mann, der sehr bedrückt wirkte. Nervös rutschte er auf seinem Sitz hin und her, und nach einiger Zeit platzte es aus ihm heraus: Dass er ein entlassener Sträfling sein und jetzt auf der Fahrt nach Hause. Seine Eltern waren damals bei seiner Verurteilung tief getroffen, sie konnten es nicht fassen, ihr eigener Sohn! Im Gefängnis hatten sie ihn nie besucht, nur manchmal einen Weihnachtsgruß geschickt. Trotzdem, trotz allem, hoffte er nun, dass sie ihm verziehen hätten. Er hatte ihnen geschrieben und sie gebeten, sie mögen ihm eine Zeichen geben, an dem er, wenn der Zug an der kleinen Farm kurz vor der Stadt vorbeiführe, sofort erkennen könne, wie sie zu ihm stünden. Hätten sie ihm verziehen, so sollten sie in dem großen Apfelbaum an der Strecke ein gelbes Band anbringen. Wenn sie ihn aber nicht wieder sehen wollten, brauchten sie gar nichts tun. Dann werde er weiterfahren, weit weg.

Als der Zug sich seiner Heimatstadt näherte, hielt er es nicht mehr aus, brachte es nicht über sich, aus dem Fenster zu schauen. Ich tauschte den Platz mit ihm und versprach auf den Apfelbaum zu achten. Und dann sah ich ihn: Der ganze Baum – über und über mit gelben Bändern behängt. Da ist er, flüsterte ich, alles in Ordnung. Er sah hinaus, Tränen standen ihm in den Augen.

Mir war, als hätt´ ich ein Wunder mit erlebt. Und vielleicht war´s auch eins.

Aus: Aus: „Typisch“ Kleine Geschichten für andere Zeiten“
Andere Zeiten e.V., Hamburg 2005

 

Frieden

„Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke?“, fragte die Tannenmeise die Wildtaube.
„Nicht mehr als Nichts“, gab sie zur Antwort.
„Da muss ich dir eine wunderbare Geschichte erzählen“, sagte die Meise.

„Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing; nicht etwa heftig mit Sturmgebraus, nein, wie im Traum, lautlos und ohne Schwere. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und Nadeln meines Astes fielen und darauf hängenblieben. Genau dreimillionensiebenhunderteinundvierzigtausendneunhunderzweiundfünfzig waren es. Als die dreimillionensiebenhunderteinundvierzigtausendneunhunderdreiundfünfzigste Flocke niederfiel – nicht mehr als Nichts, wie du sagst -, brach der Ast ab.“ Damit flog sie davon. Die Taube, seit Noahs Zeiten eine Spezialistin in dieser Frage, sagte zu sich nach kurzem Nachdenken: „Vielleicht fehlt nur eines einzigen Menschen Stimme zum Frieden der Welt.“

Kurt Kauter

Aus: „Oh!  Noch mehr Geschichten für andere Zeiten“
Andere Zeiten e.V., Hamburg 2010

Oh!

Ein angesehener Gelehrter besteigt eine Fähre, um auf die andere Seite des Flusses zu gelangen. Er will sich ein wenig unterhalten, und so fragt er den Fährmann:
„Verstehen Sie etwas von Philosophie?“
„Nein“, antwortet der, „dafür hatte ich nie Zeit.“
„Wie halten Sie das nur aus? Da fehlt Ihnen ja das halbe Leben!“

Ein Sturm kommt auf. Die Wellen schlagen immer höher.
„Können Sie schwimmen?“, ruft der Fährmann seinem Fahrgast zu.
„Nein, wo denken Sie hin? Dafür hatte ich nie Zeit.“
„Oh, das tut mir leid. Dann fehlt Ihnen gleich Ihr ganzes Leben. Denn dieses Boot sinkt gerade.“

Aus: „Oh!  Noch mehr Geschichten für andere Zeiten“
Andere Zeiten e.V., Hamburg 2010

Regionaldiakon Volker Austein
Tel.: 04791-899855

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